80 Stunden! Pro Woche!

Ich hatte schon gedacht, die schönen Geschichten von Top-Managerinnen und –Managern, die mit ihrem Eifer andere beschämen, weil sie morgens als Erste da sind, abends nie heimgehen und mindestens doppelt so viel und so lange arbeiten wie ihre Mitarbeiter, würden langsam langweilig werden. Nein, natürlich nicht: Wie ein Artikel im Kurier über die neue Vorstandsvorsitzende des Versicherungskonzerns VIG beweist, kommt das typische Erfolgsportrait weiterhin nicht ohne die Erwähnung einer Wochenarbeitszeit aus, die einem neidisch und staunend zurücklässt. 80 Stunden pro Woche müssten es schon sein, lese ich da. Das bringt andere, die weniger für ihren Job tun, natürlich zum Zweifeln und Verzweifeln: Wie schaffen das diese Bewundernswerten nur, ohne nach drei Wochen auszusehen wie „Walking Dead“ (und sich auch so zu benehmen)? Welche biologischen Talente müssen da vorhanden sein, denn von Anthropologen wissen wir, dass unsere Urahnen eher deutlich weniger arbeiteten. Die Überwindung der natürlichen Faulheit ist die größte Leistung des Menschen, zumindest nach Ansicht von Karriere-Beilagen.

 

Es dürfte eher perfektes Zeitmanagement sein, wenn jemand von Montag bis Freitag 16 Stunden pro Tag schuften kann, also beispielsweise von 7 bis 23 Uhr (wenn man die vorgeschriebene Mittagspause einhält, sogar bis 24 Uhr). Und dann noch Zeit aufbringen will, sich Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Schlaf und (wenn unbedingt nötig) sogar zwischenmenschlichen Beziehungen zu widmen. Oder ist es eine Sechs-Tage-Woche mit demnach mehr als 13 Stunden pro Tag? Oder gar eine Sieben-Tage-Woche mit fast zwölf Stunden Arbeit pro Tag? Egal – es ist und bleibt auf jeden Fall „harte Arbeit“, wie uns besagter Kurier-Artikel ehrfürchtig mitteilt.

 

Wir Normalarbeitszeitfetischisten genieren uns eh ein wenig für abendliche Freizeit, für Wochenenden mit Familie und Freunden, für Theater- und Kinobesuche und generell für ein Leben abseits des Berufs. Und dafür, dass wir unsere Arbeit in den lächerlich wenigen Stunden schaffen, die wir dafür bemessen. Denn nicht nur die Qualität der Arbeit zählt, sondern vor allem die Quantität - sogar im Top-Management. Was uns wiederum ein Trost sein mag.

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