Ich Kultuhrbanause

Jährlich zur selben Zeit, ungefähr dann wenn die Kaufhäuser beginnen, ihre Kundschaft mit „Last Christmas“, Kunstschnee und Barockengeln zu vergrämen, tritt ein großer, mir leider nicht zugänglicher Kult zu Tage. Nichts begreifend stehe ich vor dessen Altären, auf denen die jüngsten Kultobjekte ausgestellt werden. Für den Nichtgläubigen ähneln sie sich alle: Ein Sekundenzeiger tut das Gleiche wie der andere, auch alle Minutenzeiger und Stundenzeiger bewegen sich im gleichen Rhythmus und scheinen die selbe Aufgabe zu haben. Abgesehen von kleineren Unterschieden in Größe, Form, Farbe und größeren Unterschieden beim Preis scheinen diese Kultobjekte alle die gleiche Funktionsweise zu haben. Sind sie Ausdruck eines großen Ganzen, das sich nur dem Eingeweihten erschließt? Verwirrend ist zudem die Tatsache, dass die frohe Botschaft auch in Form von Heiligenbildern unter das Volk gebracht wird, begleitet von liturgischen Texten im Latein der Strenggläubigen: Von Tradition und Perfektion, von Marktwert und Wertbestand, von Kunst und Revolution ist da zu lesen. Als Fresken dienen den Hohepriestern des Uhrenkults wahlweise motorisierte Fortbewegungsmittel, Schauspieler, Sportler oder andere rätselhafte Symbole. Schwingt hier unterschwellig Kritik an unserer westlichen Konsumgesellschaft mit? Wird die soziale Schichtung mit feinem Zynismus angesprochen?

 

Für den Menschen der Postmoderne ist Offenheit gegenüber Andersgläubigen nicht nur Selbstverständlichkeit, sondern Verpflichtung, daher versuche ich Jahr für Jahr diesen Kult besser zu begreifen. Zu behaupten, ich hätte verstanden, wäre zu gewagt, aber zumindest sind mir gewisse Rituale inzwischen vertraut. Unverzichtbar in der Heilsgeschichte sind beispielsweise jene Legenden, die mit der Entstehung der Kultobjekte verknüpft sind: In hunderten, nein: tausenden Stunden schwierigster Arbeit sollen diese entstanden sein, erschaffen von Meistern ihres Fachs, die erst nach Jahren der Prüfung so weit sind, dass sie Hand anlegen dürfen an das Heiligste. Unbezahlbar ist ihre Arbeit, nicht nur weil sie meist in einem gebirgigen, schwer zugänglichen Land geschieht, sondern weil solche Handwerkskunst eigentlich vor Jahrhunderten ausgestorben ist. Im Gegensatz zu Objekten der Oberflächlichkeit ergibt sich der Preis einer Uhr nicht nur aus Marketing mal Markenname plus Materialkosten plus Marge, sondern berechnet sich vorwiegend aus der archaischen Aufgabe, eine ewig gleiche Funktion (Zeit anzeigen) so sehr zu verkomplizieren, dass Unterschiede mit dem freien Auge kaum noch sichtbar sind.

 

Unbezahlbar bleiben daher die Kultobjekte selbst für uns Ungläubige, die wir stets den wirren Preisvergleich mit uns begreiflichen Dingen suchen: Eine Weltreise. Ein mittelgroßer Sportwagen. Eine Ferienimmobilie auf Sardinien. Zwei Wände, vollgeräumt mit Büchern aus dem Antiquariat. 70 Hektar Wald in Sibirien. Ich gebe zu: Diese Bilder tauchen vor meinen Augen auf, wenn ich die Kultobjekte – oder besser: die Ziffern darunter – sehe. Und dann schäme ich mich, weil ich nichts verstanden habe: Es geht natürlich nicht um ein „Investment“ oder um eine „Wertanlage“ wie wir Ungläubige es nennen würden. Diese Kultobjekte sind Symbole unserer eigenen Vergänglichkeit und es zeugt von sturer Ignoranz, dies nicht zu erkennen. Der technische Fortschritt hat hier nichts zu sagen, Innovation wäre hier vergeblich, denn im Gegensatz beispielsweise zu Autos oder Computern wäre es für Uhren keineswegs innovativ, schneller zu sein als das Vorgängermodell. Und das ist zu guter Letzt auch mir ein Trost. Amen.

 

Dieser Text ist am 19. Oktober im profil (Ressort Portfolio) in gekürzter Version erschienen.

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