Die Angst der Printmedien

Mitarbeiter gekündigt, Zeitung eingestampft: Die Financial Times Deutschland wird es nur noch kurze Zeit geben. Die unglaubliche Summe von 250 Millionen Euro soll Gruner & Jahr damit in den vergangenen Jahren verloren haben. Soviel kann es kosten, wenn sich Verlage einen defizitären Wirtschaftstitel leisten; ein Geschäft war die FTD niemals. Die Auflagenzahl war mit rund 100.000 auch sehr bescheiden geblieben.

 

Auch in Österreich sind die Zeiten für Zeitungen und Zeitschriften nicht eben amüsant; weder Verleger noch ihre Mitarbeiter finden die derzeitige Situation entspannend. Sparprogramme bei Presse/WirtschaftsBlatt, Kurier und vielen anderen Titeln sind aber wohl nur die Vorspeise zu deutlich deftigeren Gängen, die uns die Verlage in den nächsten Jahren auftischen werden. Es ist damit zu rechnen, dass der eine oder andere Titel vom Markt verschwindet, wie das so unschön in der Wirtschaftssprache heißt. Dann darf wieder kurz über fehlende Lesebereitschaft, über mangelnde Förderungen, über unverschämt teure Journalisten gejammert werden. Über die Fehler, Versäumnisse und fehlende Weitsicht spricht man lieber nicht.

 

In einer sehr guten Rundschau über diverse Expertenmeinungen auf standard.at geht es um die offensichtlichen Kernfragen: Macht Online Print tot? Oder kann Online Print retten? Oder ist eh alles umsonst – im besten Wortsinn? In einem Posting zu dem Artikel heißt es, die österreichischen Verlage würden „wie die Schlange auf das Kaninchen“ starren. Stimmt: Bis auf wenige Ausnahmen (meist von motivierten, fähigen Einzelpersonen angetrieben) fehlt es an wirklicher Offensivkraft im Online-Medien-Business. Gut, es gibt die Online-Redaktionen aller großen Printtitel, aber die sind chronisch unterfinanziert. Sogar der Standard, zu Recht als Vorbild für die Online-Plattform einer Tageszeitung gepriesen, baut seinen Erfolg zu großen Teilen auf einem Personalmodell auf, das zumindest teilweise ungerecht ist. Weshalb sollten Online-Journalisten schlechter bezahlt werden als ihre Printkollegen? Gerade bei standard.at gibt es eine Menge hervorragender Journalistinnen und Journalisten, die tagtäglich den Spagat zwischen Qualität, Quantität und multimedialen Ansprüchen einer neuen Zielgruppe meistern.

 

Doch wieso muss das Alles so billig und billigst sein? Weil die Werbeumsätze in dem Bereich noch nicht so groß sind, dass sie Print ersetzen können, sagen die Verlage. Aber denken wir mal umgekehrt: Stellen wir uns vor, ein großer Verlag würde einen komplett neuen Print-Titel auf den Markt bringen wollen? Wie viel würde das kosten, inklusive Vorbereitung, Design, Druck, Personal, Vertrieb, Marketing und so weiter. Sicher weit mehr als jetzt der Aufbau eines Internet-Portals kostet. Doch wer wollte heute noch einen Print-Titel erschaffen wollen? Eben. Wieso also das Zögern? Wo doch Online die einzige Möglichkeit sein wird, zu überleben. Fehlende Mittel können keine Ausrede sein, denn Tag für Tag, Woche für Woche wird viel Geld für den Druck von Printmedien ausgegeben, die höchstens dazu da sind, den Anzeigenkunden etwas vorzugaukeln (Interesse der Leser zum Beispiel).

 

Bleibt die Frage nach der Qualität der Online-Berichterstattung. Dazu einige persönliche Worte: Obwohl dem Internet als Plattform schon aus rein beruflichen Gründen seit jeher nicht abgeneigt, sah ich mich bisher vorrangig als „Print-Journalist“. Und zwar nach dem Klischee: Print = Qualität, Online = Masse . Auch ich habe auf die Online-Kolleginnen und –Kollegen manchmal herabgeschaut. Das tut mir heute leid, nicht nur weil ich nun die Hälfte meiner Tätigkeit inzwischen dem Internet widme (für format.at/trend.at). Sondern auch weil ich nun weiß: Journalistische Qualität hat nichts mit dem Medium zu tun, sondern mit den Personen, den Arbeitsbedingungen, den Vorgesetzten, der Strategie dahinter.  Bei den meisten Online-Medien herrscht ein deutlich höherer Zeitdruck, weil weniger Leute in kürzerer Zeit mehr Geschichten schaffen müssen. Dass dann die Qualität bisweilen auf der Strecke bleibt, liegt nicht an den jeweiligen Journalisten, sondern an der mangelnden Weitsicht der Verlage, hier rechtzeitig aufzubauen, neu zu organisieren, umzuschichten. Das muss ja nicht von heute auf morgen passieren. Es bliebe Zeit genug, Online jetzt stark zu machen, ohne Print zu vernachlässigen und Zeit genug, entsprechende Geschäftsmodelle aufzubauen – im Print-Bereich sind die Verlage ja auch kreativ genug, wenn es um neue Einnahmequellen geht.

Zu dieser fehlenden Weitsicht passt es, dass die FTD offenbar nicht mal als Online-Titel weitergeführt werden sollen. Zuerst hunderte Millionen ins Printgeschäft investieren, aber dann kein Geld für eine starke Online-Marke parat haben – da verstehe einer noch die Medienwelt.

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